Eine Skizze ist das Werkzeug, an das im Ernstfall kaum jemand denkt – und das im Ernstfall am meisten bringt. Sie hält fest, wo du bist, wo du hinwillst und auf welchem Weg. Wenn du jemanden zurücklässt, vorausgehst oder Hilfe holst, ist sie die Information, die den Unterschied macht.
Der wichtigste Satz dazu vorweg: Nicht du musst die Skizze lesen können, sondern derjenige, der dich sucht. Alles, was folgt, ergibt sich aus diesem Gedanken.
Zwei Arten von Skizzen – und welche du brauchst
Unterschieden wird zwischen der Ansichtsskizze und der Grundrissskizze. Die Ansichtsskizze zeigt das Gelände so, wie du es vor dir siehst – wie ein gezeichnetes Foto. Die Grundrissskizze zeigt es von oben, wie eine Karte.
Die Grundrissskizze teilt sich noch einmal auf in die Geländeskizze, die einen Raum beschreibt, und die Wegeskizze, die eine Route beschreibt. Für die Navigation brauchst du die Wegeskizze – und nur die. Der Rest ist Kartografenarbeit.
Was auf eine Wegeskizze gehört
Acht Angaben machen aus einer Kritzelei eine verwertbare Skizze:
- Nordpfeil – ohne ihn ist die Zeichnung nicht orientierbar.
- Eigener Standort (SP) – der Startpunkt.
- Ziel (RP) mit Koordinaten – der Rettungs- oder Zielpunkt.
- Zwischenziele (RP1, RP2, …), falls der Weg nicht in einem Stück läuft.
- Maßstab und/oder konkrete Entfernungsangaben.
- Datum und Uhrzeit.
- Legende beziehungsweise Bezeichnungen für alles, was du gezeichnet hast.
- MKZ – die Marschkompasszahl für die Richtung.
Eine fertige Skizze trägt also Angaben wie „1:50.000″, „MKZ: 4,5″ und „RP bei: 32U 03332 57266″ am Rand. Wie du zu Koordinaten und Maßstab kommst, steht im Beitrag zum Karte lesen, die MKZ ermittelst du wie im Beitrag zum Umgang mit Kompass beschrieben.
Die Reihenfolge beim Zeichnen
Die Reihenfolge ist kein Ritual, sondern Fehlervermeidung. Wer mitten in der Zeichnung merkt, dass der Maßstab nicht passt, fängt von vorn an.
- Nordpfeil. Immer zuerst. Er legt die Ausrichtung des ganzen Blattes fest.
- Maßstab. Erst wenn er steht, weißt du, wie viel Platz du für die Strecke brauchst.
- Startpunkt und Ziel. SP und RP eintragen – damit stehen die beiden Fixpunkte.
- Wegenetz von SP zu RP mit Pfeilen in Laufrichtung. Die Pfeile sind wichtig: Sie sagen, in welcher Richtung die Strecke gemeint ist.
- Markante Punkte entlang des Weges – Brücken, Hochsitze, Lichtungen, Wegkreuzungen.
- Entfernungen an die Teilstrecken schreiben, zum Beispiel „1.200 m“.
- Uhrzeit und Datum – ganz zum Schluss.
Dass die Uhrzeit zuletzt kommt, hat einen handfesten Grund: Sie soll den Moment festhalten, in dem die Skizze fertig ist und du losgehst – nicht den Moment, in dem du angefangen hast zu zeichnen. Zwischen beidem können zwanzig Minuten liegen, und für jemanden, der deinen Standort hochrechnet, sind zwanzig Minuten ein erheblicher Unterschied.
Je genauer, desto besser
Eine Skizze wird nicht dadurch gut, dass sie hübsch ist. Sie wird gut, wenn ein Fremder sie ohne Rückfragen benutzen kann. Ein paar Gewohnheiten helfen dabei:
- Schreibe Bezeichnungen aus. „Brücke“ ist besser als ein Symbol, das nur du verstehst.
- Nutze durchgehend dieselben Kürzel: SP für den Standort, RP für das Ziel, RP1 und RP2 für Zwischenziele.
- Trage Entfernungen in Metern ein, nicht in Gehminuten – Gehzeit ist vom Menschen abhängig, die Entfernung nicht.
- Notiere die MKZ für jede Teilstrecke einzeln, wenn sich die Richtung ändert.
- Lass Platz. Eine gedrängte Skizze wird unleserlich, sobald es regnet.
Ohne Karte wird es schwierig
Eine belastbare Wegeskizze entsteht in aller Regel mit einer Karte. Maßstab und Koordinaten kommen von dort, ebenso die markanten Punkte, die du unterwegs wiedererkennen willst. Ganz ohne Karte kannst du zwar eine Richtungsskizze anfertigen – mit Nordpfeil, MKZ, geschätzten Entfernungen und den Geländemerkmalen, die du selbst gesehen hast –, aber die Koordinatenangabe fehlt dann. Genau die braucht die Rettungskette.
Deshalb gehört die Papierkarte mit in den Rucksack, auch wenn das Handy dabei ist. Karten, Kompasse und Zubehör findest du in unserer Kategorie Navigation.
Ein durchgerechnetes Beispiel
Angenommen, du stehst an einem Parkplatz am Waldrand und willst zu einer Schutzhütte, die du auf der Karte gefunden hast. Auf einer 1:50.000er Karte liegt sie gut vier Zentimeter entfernt – das sind rund 2.000 Meter.
So entsteht die Skizze:
- Oben rechts der Nordpfeil.
- Daneben der Maßstab: 1:50.000.
- Unten links der SP für den Parkplatz, oben rechts der RP für die Hütte, dazu ihre Koordinate: 32U 03332 57266.
- Eine Linie dazwischen mit einem Pfeil, der von SP nach RP zeigt. Führt der Weg über eine Wegkreuzung, an der du abbiegst, wird daraus RP1 – und die Linie bekommt einen Knick.
- Markante Punkte daneben: der Bachlauf, den du querst, der Hochsitz an der Lichtung.
- Entfernungen an die Teilstrecken: „800 m“ bis RP1, „1.200 m“ von dort zur Hütte.
- Für jede Teilstrecke die MKZ, zum Beispiel „MKZ: 4,5″ für den ersten Abschnitt.
- Ganz zuletzt, bevor du losgehst: „12.09. um 15:00″.
Das Ergebnis passt auf eine halbe Seite und braucht keine fünf Minuten. Jemand, der es in die Hand bekommt, weiß: wo du gestartet bist, wohin du wolltest, über welchen Punkt, wie weit, in welche Richtung – und seit wann du unterwegs bist. Mehr braucht eine Suchmannschaft nicht, um sinnvoll anzufangen.
Die zwei Grundsätze dahinter
Zwei Sätze ziehen sich durch die gesamte Orientierungslehre, und sie erklären auch, warum die Skizze so wichtig ist. Der erste: Wenn du weißt, wo du bist, kannst du sein, wo du willst. Die Skizze ist die Form, in der dieses Wissen die eigene Erinnerung verlässt und für andere verfügbar wird.
Der zweite: Kannst du bleiben, wo du bist – oder musst du dein Überleben durch Bewegung sichern? Entscheidest du dich fürs Bleiben, beschreibt die Skizze deinen Standort. Entscheidest du dich fürs Gehen, beschreibt sie deinen Weg. In beiden Fällen ist sie das Einzige, was zurückbleibt, wenn du selbst nicht mehr erreichbar bist.
Wann du eine Skizze anfertigst
Drei Situationen, in denen sich der Aufwand von fünf Minuten auszahlt:
- Du trennst dich von der Gruppe. Die Skizze bleibt bei den anderen – sie wissen dann, wohin du wolltest.
- Du lässt eine verletzte Person zurück und holst Hilfe. Die Skizze geht mit dir und beschreibt den Rückweg. Wie du parallel dazu einen Notruf absetzt, wenn kein Netz verfügbar ist, steht in unserem Beitrag zum Notruf ohne Mobilfunk.
- Du planst eine Strecke querfeldein. Dann ist die Skizze dein Arbeitsblatt für unterwegs: Teilstrecken, MKZ, Entfernungen.
Häufige Fragen
Was bedeuten SP und RP auf einer Skizze?
SP steht für den eigenen Standort, den Startpunkt. RP bezeichnet das Ziel. Zwischenziele werden als RP1, RP2 und so weiter durchnummeriert.
Muss ich zeichnen können?
Nein. Es geht um Lesbarkeit, nicht um Ästhetik. Gerade Striche, klare Beschriftung, Pfeile in Laufrichtung – das reicht.
Warum kommt die Uhrzeit zum Schluss?
Weil sie den Zeitpunkt des Aufbruchs festhalten soll. Wer sie zuerst notiert, dokumentiert den Beginn des Zeichnens – und das verfälscht jede Hochrechnung.
Reicht ein Foto der Karte statt einer Skizze?
Als Ergänzung ja, als Ersatz nein. Das Foto zeigt nicht deine geplante Route, nicht die MKZ und nicht den Zeitpunkt – und es hängt am Akku.
Wie groß sollte eine Wegeskizze sein?
So groß, dass alle Beschriftungen lesbar bleiben. Ein DIN-A5-Blatt ist ein guter Kompromiss zwischen Platz und Handhabbarkeit.
Fazit
Die Wegeskizze ist schnell gemacht und schwer zu ersetzen: Nordpfeil, Maßstab, SP und RP, Weg mit Pfeilen, markante Punkte, Entfernungen – und zum Schluss die Uhrzeit. In dieser Reihenfolge. Übe sie einmal am Küchentisch mit einer Wanderkarte, dann sitzt sie. Wie die Skizze ins Gesamtbild passt, zeigt unsere Übersicht zur Outdoor-Navigation ohne Handy.
Tiefer einsteigen? Im Online-Lehrgang Orientieren und Navigieren – mit und ohne Hilfsmittel zeichnen wir die Wegeskizze Schritt für Schritt mit – vom leeren Blatt bis zur fertigen, für jeden lesbaren Skizze.