Sammelpunkt festlegen: Treffpunkt für den Notfall

Die meisten Notfallplanungen drehen sich um Vorräte, Licht und Wärme. Die Frage, die im Ernstfall als Erste auftaucht, ist aber eine andere: Wo trefft ihr euch, wenn ihr euch nicht anrufen könnt? Fällt das Mobilfunknetz aus, ist jede Absprache, die ihr nicht vorher getroffen habt, keine mehr.

Ein Sammelpunkt löst das. Er ist der Ort, an dem sich eure Gruppe ohne weitere Kommunikation wiederfindet – und er funktioniert nur, wenn er lange vorher besprochen wurde.

Was ein Sammelpunkt ist – und was ein Ausweichsammelpunkt

Ein Sammelpunkt ist ein Ort, an dem sich ausschließlich Personen einfinden, die ihn kennen. Genau daraus ergibt sich die wichtigste Regel: Trefft ihr dort auf Fremde, geht ihr weiter zum Ausweichsammelpunkt. Ihr diskutiert nicht, ihr wartet nicht ab – ihr geht.

Für den Ausweichpunkt hat sich eine einfache Konvention bewährt: Der zuletzt vereinbarte Sammelpunkt ist automatisch der Ausweichpunkt für den nächsten. So muss sich niemand eine zweite Liste merken. Zwingend ist das nicht, aber es reduziert die Zahl der Dinge, die im Stress schiefgehen können.

Die Staffelung: 30 Minuten bis 24 Stunden

Ein einziger Treffpunkt reicht nicht. Sinnvoll ist eine Staffelung nach Zeit, weil die Anforderungen mit der Dauer steigen.

  • 30 Minuten und 1 Stunde – gilt, solange ihr unterwegs seid, und wird aus der Bewegung heraus festgelegt. Der Punkt muss vor allem eines sein: eindeutig und schnell erreichbar. Je nach Tempo markiert ihr einen mehr oder weniger auffälligen Geländepunkt.
  • 6 bis 12 Stunden – wird täglich oder wöchentlich neu besprochen. Der Punkt sollte markant, aber besser geschützt sein: eine Senke, ein Unterstand, ein Gebäude. Habt ihr nach sechs Stunden nicht alle beisammen, geht ihr zum 12-Stunden-Punkt und bleibt dort länger.
  • 24 Stunden und länger – kein Muss, aber der Punkt, den man in Ruhe vor einer Krise festlegen kann. Hier bietet sich eine feste Anlage an oder schlicht das Haus einer Person aus der Gruppe.

Wenn ihr ein weiter entferntes Ziel habt, legt ihr die Sammelpunkte entlang der Route dorthin fest – nicht willkürlich verstreut. Dann hat jeder Punkt eine Funktion im Gesamtplan.

Wie ein guter Sammelpunkt aussieht

Ein Sammelpunkt muss auffindbar sein, ohne selbst auffällig zu sein. Diese beiden Anforderungen widersprechen sich – deshalb trennt man sie.

Die Lösung: Ihr wählt eine markante Landmarke, die jeder sicher findet, und legt den eigentlichen Treffpunkt ein Stück davon entfernt fest. Das macht ihr über abgezählte Schritte. Ein Beispiel: Von der Tankstelle 50 Schritte nach Norden, dann 80 Schritte nach Westen.

Damit das funktioniert, muss jeder seine eigene Schrittlänge kennen – die Doppelschrittzahl, die wir im Beitrag zum Umgang mit Kompass erklären. Und die Himmelsrichtungen müssen stimmen, auch nachts und ohne Handy.

Den Treffpunkt nicht offen durchgeben: das Bezugspunktverfahren

Wer über Funk oder per Zuruf einen Treffpunkt beim Namen nennt, teilt ihn mit allen, die zuhören. Für einen Familien- oder Gruppenplan in einer unübersichtlichen Lage ist das keine gute Idee.

Das Bezugspunktverfahren löst das elegant: Ihr bezeichnet vorher auf euren Karten eine Handvoll Punkte und vergebt dafür Kürzel. Über Funk geht dann nicht der Ort hinaus, sondern nur noch eine Abweichung davon – etwa „H minus 42, plus 17″. Wer die Referenz nicht kennt, kann mit der Angabe nichts anfangen. Welches Gitternetz eure Karte benutzt, ist dabei egal, solange alle dieselbe Karte haben.

Zwei Regeln dazu. Erstens: Auf der Karte steht nur, was unbedingt nötig ist. Wege, die ihr euch merken könnt, zeichnet ihr gar nicht erst ein. Zweitens, und das ist die wichtige Ausnahme: Euren eigenen Standort in einem echten Notfall gebt ihr offen durch. Wenn ihr Hilfe braucht, muss die Rettungskette wissen, wo ihr seid – da wird nichts verschleiert. Wie ihr eine Position sauber übermittelt, steht in den Beiträgen zum Karte lesen und zum Notruf ohne Mobilfunk.

Das Passwort – und wie man es falsch abfragt

Am Sammelpunkt muss die erste Person prüfen können, wer da kommt. Dafür vereinbart ihr vorher eine zweiteilige Wortkombination, die sich nicht erraten lässt. „Arsch – Loch“ ist keine gute Wahl, weil die zweite Hälfte auf der Hand liegt. „Arsch – Auto“ ist deutlich besser: Der zweite Teil folgt nicht aus dem ersten.

So wird es oft gemacht – und das ist falsch: Die wartende Person ruft „Halt, stehenbleiben!“ und nennt selbst den ersten Teil, etwa „Baum“. Der Ankommende antwortet „Auto“. Beide sind sich jetzt sicher – aber falls der Ankommende nicht dazugehört, hat er soeben die erste Hälfte des Passworts geschenkt bekommen.

So gehört es gemacht: Die wartende Person hält den Ankommenden auf Abstand und fragt nur „Passwort?“. Der Ankommende nennt den ersten Teil – und fragt seinerseits nach. Erst dann nennt die wartende Person den zweiten Teil. Wer nicht dazugehört, muss vorlegen und bekommt nichts.

Verhalten am Sammelpunkt

Die erste Person vor Ort übernimmt die Sicherung und teilt alle Nachkommenden ein – am besten als Rundumsicherung, sodass in jede Richtung jemand schaut. Wer ankommt, fragt nicht lange, sondern übernimmt den ihm zugewiesenen Bereich.

Wann ihr den Punkt wieder verlasst, hängt an fünf Dingen: der Gefährdungslage, eurer eigenen Geschwindigkeit, ob schon alle da sind, ob noch ein weiterer Sammelpunkt anzulaufen ist – und schlicht an der Zeit. Dahinter steht dieselbe Frage wie bei jeder Entscheidung in einer Notlage: Könnt ihr bleiben, wo ihr seid, oder müsst ihr euer Überleben durch Bewegung sichern?

Was ihr vorher besprechen solltet

  • Die Landmarke für jeden Sammelpunkt – und die Schrittzahlen vom Punkt weg.
  • Die Staffelung: welcher Punkt gilt nach 30 Minuten, nach 6, nach 24 Stunden.
  • Die Regel für den Ausweichpunkt.
  • Die Passwortkombination und die richtige Abfragereihenfolge.
  • Wer welche Karte hat – und dass es dieselbe Ausgabe ist.
  • Wie lange am jeweiligen Punkt gewartet wird, bevor es weitergeht.

Schreibt das nicht ins Handy. Papier funktioniert ohne Akku. Für die Route zwischen zwei Punkten hilft eine Wegeskizze.

Häufige Fragen

Wie viele Sammelpunkte braucht eine Familie?

Drei reichen für den Anfang: einer in Gehweite der Wohnung, einer im Stadtteil, einer außerhalb. Wichtiger als die Zahl ist, dass alle sie kennen.

Was, wenn jemand nicht ankommt?

Dafür ist die Staffelung da. Ihr wartet die vereinbarte Zeit ab und geht dann zum nächsten Punkt der Kette – nicht suchen, sondern der Absprache folgen.

Sollen Kinder den Sammelpunkt kennen?

Ja, und sie sollten ihn einmal zu Fuß abgelaufen sein. Ein Ort, den man nur von der Karte kennt, findet man unter Stress nicht.

Reicht nicht einfach „wir treffen uns zu Hause“?

Als 24-Stunden-Punkt oft ja. Für die ersten Stunden nicht – genau dann kann die Wohnung unerreichbar oder der Weg dorthin versperrt sein.

Wie oft sollte man das üben?

Einmal im Jahr durchsprechen und einmal ablaufen genügt. Entscheidend ist, dass die Schrittzahlen und die Landmarke noch stimmen – Tankstellen schließen, Bäume fallen.

Fazit

Ein Sammelpunkt kostet in der Vorbereitung eine halbe Stunde und ersetzt im Ernstfall das Telefonnetz. Wichtig sind die Staffelung nach Zeit, eine Landmarke mit abgezähltem Versatz, eine saubere Passwortabfrage – und die Disziplin, sich an die Absprache zu halten, auch wenn sie sich im Moment falsch anfühlt.

Vorausgesetzt ist allerdings, dass alle mit Karte und Kompass umgehen können: Ohne Himmelsrichtungen nützen 50 Schritte nach Norden wenig. Den Einstieg dazu gibt unsere Übersicht zur Outdoor-Navigation ohne Handy, die passende Ausrüstung findet ihr in der Kategorie Navigation. Wie ihr euch darüber hinaus auf einen längeren Stromausfall vorbereitet, steht im Blackout-Ratgeber.

Tiefer einsteigen? Im Online-Lehrgang Orientieren und Navigieren – mit und ohne Hilfsmittel gehen wir Sammelpunkte, Bezugspunktverfahren und das Verhalten vor Ort im Detail durch.

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